admin on Januar 15th, 2010

Im Dezember 2009 hat sich die Arbeitsgruppe „gemeinsam landwirtschaften“ zusammengefunden um das CSA-Konzept (Community Supported Agriculture) für den Gärtnerhof Ochsenherz in Gänserndorf bei Wien – und damit zum ersten Mal in Österreich – zu erarbeiten. Warum eigentlich?

Das aktuelle Preissystem, das auf der breiten Akzeptanz beruht, dass Angebot und Nachfrage den Preis gestalten, kann eigentlich als auslaufendes Lehrmodell betrachtet werden, auf dem Weg zu einem sozial verträglichen Geben und Nehmen. Bisher wurden die Bedürfnisse der Konsumierenden sowie der Produzierenden getrennt voneinander bzw. einander bedingend betrachtet. Die Ware wurde auf bestimmte Eigenschaften reduziert (z.B. „fair“, „bio“, „regional“) und ihr Wert – also das, was es einem wert ist – wurde stets in Relation zum Einkaufspreis bemessen.

Angebot und Nachfrage – und was bleibt?

Diese Art der Bewertung führt zu einem Wettbewerb, der die Kaufkriterien der KonsumentInnen (wie eben „fair“, „bio“, „regional“) auf die Warenform reduziert. Die Produzierenden/BäuerInnen müssen nun – um am Markt bestehen zu bleiben – ihre Produktion effizienter gestalten und an die preislichen Verhältnisse am Markt anpassen. Ziel ist es – stets unter dem Konkurrenzdruck anderer BäuerInnen – Waren zu produzieren die den Kriterien der KonsumentInnen entsprechen. Dabei werden meist charakteristische Arbeitsabläufe automatisiert, bodenschonende Handarbeit reduziert und Produktvielfalt abgebaut. Was übrig bleibt ist ein Zertifikat, das die Mindestbestimmungen garantiert. Von der ursprünglichen Prozessqualität bleibt meist nicht mehr viel.

Abhängigkeiten im Handel(n)

So führt, verkürzt dargestellt, das Preissystem zu einer Anonymisierung beider Handelnden. Die Gebenden (Produzierenden) treten in den Hintergrund ihrer Produkte, während die Nehmenden (KonsumentInnen) auf ihre Ansprüche reduziert werden. Da sich die jeweiligen Akteure hinter den gegenseitigen Vorstellungen verstecken, z.B. „wie etwas auszusehen hat“, „was es kosten soll“, machen sie sich von einander abhängig und setzen sich der Konkurrenz des Marktes aus.

Beziehungen erfahren statt Abhängigkeiten (re)produzieren

Das letzte Arbeitsgruppentreffen von ge_la, das ich miterleben durfte, fand am 17. Mai in einer Souterrainwohnung im 14. Bezirk statt. Die Konsumierenden des Gärtnerhof Ochsenherz wollen sich nicht mehr als stille Gemüseempfangende verstanden wissen. Vielmehr wollen sie miteinander lernen gemeinsame Lösungen für die Probleme des Gärtnerhofes zu finden und „einen dynamischen Prozess des Gebens und Nehmens entwickeln“.

„Wir haben beschlossen, die klassische Trennung von Konsumierenden und Produzierenden aufzuheben und sind dabei, eine gemeinsam getragene Kulturform, die sozial verträgliche Landwirtschaft möglich macht, zu entwickeln.“ steht selbstbewusst im aktuellen Faltblatt, das auf die Möglichkeiten, die ge_la bietet, hinweisen und Interesse wecken soll.

„Ein Entschluss wirkt, weil er muss“ – diesem Gedanken Goethes folgend, kann nun die Arbeit und der beiderseitige Lernprozess beginnen.  Denn solange nicht beiden Seiten bewusst ist, dass sie außerhalb der Vorstellungsmuster von KonsumentInnen bzw. ProduzentInnen auch selbstständig agieren müssen, passiert gar nichts. „Als wir uns zum ersten Mal ohne die Menschen vom Gärtnerhof getroffen haben, ist uns bewusst geworden, dass sie in ihrer Existenz auf uns angewiesen sind – damit wurde auch klar, dass wir aktiv werden müssen, wenn wir weiterhin dieses Gemüse essen wollen.“ stellt Eva H. fest.

Es ist nicht egal …

Eine Frage bleibt jedoch offen: Macht es einen Unterschied, welche Beziehung ich zu den Produkten habe? Gute Qualität gibt es doch schon im Einzelhandel, am Markt, im Bio-Kistl! – Wirkt sich diese dynamische Beziehung zwischen den Menschen in der Landwirtschaft, die Gemüse geben und den Menschen, die es nehmen auf die Produktqualität aus? Die Akteur-Netzwerk-Theorie[1] besagt, dass das durchaus möglich ist. Kennen wir das nicht aus eigener Erfahrung? Menschen, die Eier essen, haben Folgendes sicher schon erlebt: Während die Vorstellung von einem Ei aus Freilandhaltung Appetit anregt, kann die Information „aus Käfighaltung“ Ekel hervorrufen, auch wenn es sich in beiden Fällen um dasselbe Ei handelt. Und wie ist das mit ge_la – Gemüse?

Sylvia B.: „Ich möchte das Gemüse von diesen Menschen, so wie es ist und wie sie es produzieren.“  „Dieses Gemüse stärkt meine Verbindung zum Boden und gibt mir die Kraft, die ich für meine Arbeit als Coach, mit anderen Menschen, brauche.“ meint Petra H., eine „Konsumentin“ aus Wien. Unlängst habe ihr eine gute Bekannte nach einem anstrengenden, dreitägigen Workshop gesagt: „Du siehst erschöpft aus, das ist in Ordnung. Und du strahlst.“

Teilnehmen erwünscht: Menschen, die sich aktiv in die Arbeitsgruppe ge_la – gemeinsam landwirtschaften für den Gärtnerhof Ochsenherz – http://ochsenherz.at – einbringen wollen oder Ernteanteile beziehen wollen, können sich unter gela@ochsenherz.at melden.

Was bedeutet Community Supported Agriculture (CSA)?

Der Bauer/die Bäuerin soll nicht als HändlerIn landwirtschaftlicher Produkte wahrgenommen werden, die sich nebenbei um die Produktion kümmert und somit das Produkt als Messlatte für ihren Erfolg definiert. Vielmehr soll die landwirtschaftliche Tätigkeit wieder im Mittelpunkt stehen, die aktiven LandwirtInnen von den VerbraucherInnen getragen werden und das gemeinschaftliche Hofleben als Indikator für Erfolg durch sich wirken.

Wie funktioniert CSA?

Eine Gruppe von KonsumentInnen übernimmt das laufende Jahresbudget eines Hofes durch Vorfinanzierung. Im Gegenzug verpflichten sich die HofbetreiberInnen, die KonsumentInnen ganzjährig mit qualitätsvollen Hoferzeugnissen in Form von Ernteanteilen zu versorgen. Beide Seiten bilden eine Wirtschaftsgemeinschaft, in der Ernteerfolge, aber auch Ernteausfälle gemeinsam getragen werden.

Woher kommt CSA?

Die CSA-Idee hat ihren Ursprung in der biologisch-dynamischen Bewegung und folgt den Gedanken des Anthroposophen Rudolf Steiner. CSA-Betriebe haben sich in Japan, den USA, der Schweiz und Deutschland bereits erfolgreich etabliert.

Buchempfehlungen:

R. Steiner (1917) Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft.

E. Henderson und R. Van En (2007) Sharing the Harvest: A Citizen’s Guide to Community Supported Agriculture.

T. Lyson (2004) Civic Agriculture – Reconnecting Farm, Food, and Community.


[1] B. Latour (2007) Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie.

admin on November 20th, 2009

… endlich

FIRST OFFICIAL INTERNATIONAL AGRICULTURAL ERNTEDANKFEST

Das erste offizielle Fest der Agrarwissenschaftler im TÜWI – oder: Warum Agrarwissenschaftler gerne feiern!

Auf Eigeninitiative engagierter AW-Studis, unterstützt von der Studienvertretung Agrarwissenschaften, wird das legendäre Erntedankfest nun Teil der langen Tradition von STV-Festen im TÜWI!

Lange hat es gedauert bis die Agrar-Studis an der BOKU das TÜWI für sich entdeckten und in diesem Zentrum studentischer (sub-)Kultur an der BOKU ein echtes Agrarwissenschaftler-Fest veranstalteten.

Der Erfolg gibt uns Recht – ein kurzweiliger Abend mit einer Diashow unserer Praktikums-Fotos sowie einer Schuhplattler-Mitternachtseinlage, der bis in die frühen Morgenstunden andauerte hat unsere Hypothese bestätigt, dass Agrarwissenschaftler gerne feiern.

Was kommt als nächstes – ein Aussaat-Festl?

admin on September 24th, 2009


Vom 10. bis 22. August fand in dieser Form nach 2008 die zweite Sommeruni der Naturwissenschaftlichen Sektion und der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum statt. 13 Teilnehmende (etwa doppelt so viele wie im Vorjahr), überwiegend Studierende der Agrar- und Biowissenschaften, kamen ans Goetheanum. Die erste Woche fand am Glashaus am Goetheanum (bild) statt, die zweite im Lötschental (Wallis). - HTTP://WWW.SCIENCE.GOETHEANUM.ORG

Gentechnik, Goethe und Ganzheitlichkeit – eine Forschungsreise im Lebendigen

Die Landwirtschaft ist in der Krise – Das Ziel weltweiter Ernährungssouveränität spaltet die Weltmächte in Gentechnikbefürwortende und Wegbereitende einer regional angepassten, biologischen Landwirtschaft . Um die Landwirtschaft nun aus ihrer Krise zu führen genügt keine dieser Strategien – Nehmen wir uns die Freiheit Tatsachen zu hinterfragen und ihr Wesen zu ergründen – ein Bericht von Stephan Pabst .

Erkenntnisversuche des goetheschen Typus – eine denkpraktische Übung

Lesen Sie die folgenden Worte und Sätze nicht so wie Sie es gelernt haben, sondern lassen Sie Schritt für Schritt ein Bild vor ihrem geistigen Auge entstehen – ohne sogleich die Informationen zuzuordnen oder andere Begriffe dafür finden zu müssen. Dieses geistige Bild vermag vielleicht einen Abglanz dessen zu vermitteln, was die Sommeruni09 für eine Schar von JungwissenschaftlerInnen so interessant gemacht hat.

Wer ist eigentlich „man“ und warum ist das objektiv?

Studierende der Biologie, Physik, Chemie, … interessiert am Lebendigen, an den Funktionen des Daseins, an der Erkenntnis der Welt – sie alle lernen im Allgemeinen sich von der Zelle aus an die großen, ökologischen Zusammenhänge der Welt anzunähern. Der Blick durchs Mikroskop als Schlüssel zum Verständnis der Welt ist unweigerlich zum Dogma der Naturwissenschaften geworden. Selbst in der Ökologie sind es die Einzelphänomene, die, meist erst am Ende des Lehrbuchs, ein dichtes Netz an Informationen bilden. Die Forschende selbst reduziert sich auf ein „man“ in der dritten Person, die außerhalb des Prozesses steht, und beobachtet. Wie kommt man aber nun zu einer Erkenntnis vom Lebendigen? Muss „man“ sich da vielleicht selber einbringen?

Weg Man! – Hin zum Ich!

Die Wahrnehmung aus der ersten Person blendet all das ein, was im (objektiven) Alltag gerne verloren geht. Anwendungsbeispiel: „Heiße Liebe“ – die Reduktion auf „Vanilleeis mit heißen Himbeeren“ stellt selbst unter Hinzuziehung einer detaillierten chemischen Analyse keine befriedigende Beschreibung dar. Es bedarf einer Seele, einer Innensicht um diesen Begriff erlebbar zu machen. Doch fehlen uns hier bei zunehmender Komplexität oft die Ausdrucksmittel – im genannten Beispiel also die Worte. Daher haben wir uns in Übungen mit der Begriffsbildung auseinander gesetzt:

Vom Senecio, der unter der Sonne beißt und eingebildeten Kühen …

Wer mit zwölf (!) Sinnen in die Welt schaut und sich auf Phänomene einlässt, die ringt oft nach Ausdrucksmitteln. Wir blickten gespannt auf die Exemplare des gemeinen Greiskrauts (senecio vulgaris) vor dem Glashaus und versuchten die Vorstellung seines Daseins in uns lebendig zu machen. – Mit Blattmetamorphosen geben sich die Kühe im Goetheanumpark nicht zufrieden, und mustern bald aufmerksam die bemühte Schar der sich Einfühlenden. – So klar sich uns die äußere Welt mit all ihren Details erschließt, so diffus gebiert sich einem tapsenden Welpen gleich die Darstellung einer inneren Anschauung.

… von Bienen, die güldne Bahnen weben und dem Anger, des flirrendes Antlitz schwitzt.

Schritt für Schritt lernen wir Aspekte einer Methode, die sich nicht ohne weiteres verallgemeinern lässt. Jede für sich betrachtet und staunt, wählt ihre Ausdrucksmöglichkeiten und erlebt Wesenheiten und Atmosphären, die sich als Gesamteindruck einprägen und jederzeit abrufbare Spuren hinterlassen. Wir sammeln Erfahrungen und machen uns bereit sie denkend zu verknüpfen…

Detail ist Ausdruck des Ganzen …

Die Steine, die vom Wasser des Gebirgsbaches rundgeschliffen kullern und sich reiben bis das Rinnsal zur reißenden Klamm sich gräbt … sogar diese Steine erzählen eine Geschichte, die einen Eindruck hinterlässt.Wo wir unseren Blick auch hinwenden, auf die frische Magerwiese oder die heuenden Männer und Frauen, ob wir die alten Speicherhütten betrachten oder die bewachsenen Schuttkegel, zu deren Fuß sich handtuchgroße Wiesen erstrecken – aus allem spricht das Lötschental und wir hören ihm zu.

… deren Summe noch kein Ganzes gibt

Eine rein äußere Anschauung dieses Gebietes hätte uns zwar umfassende Auskunft über das „Was“ gegeben aber nur eingeschränkt Aussagen über das „Wie“ und schon gar keine Erkenntnisse vom „Warum“ ermöglicht. Mit der „Einlebenden“ Anschauung kamen wir – trotz aller Anfänglichkeit – schon weiter. Am letzten Tag ermöglichte uns ein Landwirt an seinen Lebenserfahrungen teilzuhaben. Wir konnten wie in einer Art Rückblick erleben, wie er unsere jungen Erfahrungen wieder aufleuchten und das Tal in seiner Ganzheitlichkeit wahrnehmen ließ. Sein Umgang mit dem Tal, den Pflanzen und Tieren dieser Region und die Motivation darin sich zu erfüllen, setzte das anfänglich Erfahrene und Geahnte wirksam ins Bild.

Fazit: Im Potential wird eine Idee geboren

Sowohl Pflanzen als auch Tiere lassen sich mittlerweile bis auf die molekulare Ebene zerlegen, jedoch unterscheiden sich Zellhaufen und Basenpaare nicht sonderlich voneinander, solange dieser geformten Substanz keine Seele/Idee innewohnt. Wir haben gelernt von außen und von innen her die Natur zu begreifen – das wirkt!

Die nächste Sommeruni ist vom 23. August bis 3. September 2010 – HTTP://WWW.SCIENCE.GOETHEANUM.ORG

admin on Mai 14th, 2009


bagru*aw und agrar_attac laden zur Podiumsdiskussion mit dem Thema

„Die Rolle der Agrarpolitik in der Wissenschaft – und vice versa“

Die Nachbesetzung der Leitung der Bundesanstalt für Bergbauernfragen (BABF) wird von Seiten der Wissenschaft und der Opposition stark kritisiert. Von einer „politisch motivierten Fehlbesetzung“ um eine „unabhängige Forschungseinrichtung mundtot zu machen“ ist die Rede (siehe: www.bergphoenix.at).

Der Fall der BA für Bergbauernfragen ist dabei kein Einzelfall sondern Symptom einer allgemeinen Entwicklung, die auch die universitäre Forschung und Lehre betrifft. Es bedarf einer Neuklärung des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und (Agrar-)Politik. Dabei sollte der Wissenschaft und Forschung wieder eine erhöhte Bedeutung zukommen.

Wir stellen uns die Fragen:

Auf welcher Basis fällen AgrarpolitikerInnen ihre Entscheidungen, wenn nicht auf Basis der Arbeit unabhängiger WissenschaftlerInnen?

Sollen Wissenschaft und Forschung für partielle Politik- und Wirtschaftsinteressen verfügbar gemacht werden?

Wer bestimmt nun die Zukunft der Landwirtschaft? – PolitikerInnen? Forschende? oder doch die BäuerInnen selbst?
Wir freuen uns folgende Persönlichkeiten für das Podium einladen zu dürfen:

Nikolaus Berlakovich (BMLFUW) – angefragt
Helmut Kramer (Univ. Prof. em. für Politologie an der Universität Wien)
Josef Krammer (ehem. Leiter der Bundesanstalt für Bergbauernfragen)
Irmi Salzer (Österreichische BergbäuerInnen Vereinigung)
Gerda Schneider (Leiterin Inst. für Landschaftsplanung BOKU)

Biologisch-Dynamisches an der BOKU – Keine Utopie mehr!

Die landwirtschaftliche Lehre an der BOKU ist – dank dem Engagment interessierter Studierender – um eine Facette reicher geworden. Mit dem Vorlesungsseminar „933.001 Biologisch dynamischer Landbau“, das im vergangenen Wintersemester zum zweiten Mal stattfand, erhält diese international verbreitete Wirtschaftsweise Raum in der BOKU-Lehre und stößt auf reges Interesse.

Seit 1996 gibt es nun das Institut für ökologischen Landbau (IföL) an der BOKU und seit mehr als 25 Jahren lebt die Bio-Bewegung von der Initiative einzelner Studierender[1], die sich dafür einsetzen. Nicht mehr und nicht weniger hat auch zur Einrichtung des Instituts für ökologischen Landbau (IföL) an der BOKU geführt. Die Universität für Ökologische Agrarwissenschaften Kassel hat eine ähnlich bewegte Geschichte – im Jahr 2005 kam ein neuer Meilenstein hinzu: Die europaweit erste Professur für biologisch-dynamische (bio-dyn) Landwirtschaft.

Kleine Forschungsgeschichte[2] des bio-dyn Landbaus

Seit der Begründung der bio-dyn Wirtschaftsweise im Jahr 1924 gibt es eine Reihe von Arbeiten, Dissertationen und Habilitationen auf diesem Gebiet. Die Universität Hohenheim stellt im Jahr 1973 eine ihrer Versuchswirtschaften auf bio-dyn um und an der Justus v. Liebig Universität Gießen wird die erste Dissertation zu einer bio-dyn Fragestellung angenommen.

Im Jahr 1978 startet die Landwirtschaftskammer Rheinland mit der Universität Bonn und dem Forschungsring[3] den Langzeitversuch “Betriebsvergleich dynamisch/organisch/konventionell”, kurz DOK-Versuch genannt, auf dem Boschheide-Hof im Rheinland, der die Humusaufbau fördernde Wirkung der Präparate nachweist.

1994 schließt Dr. Hartmut Spieß, Mitarbeiter des “Institut für biologisch-dynamische Forschung (IBDF)” am Dottenfelder-Hof[4], die erste Habilitation über ein biologisch-dynamisches Thema, den pflanzenbaulichen Einfluss der Mond-Rhythmen, ab.

Im Jahr 2005 wird die nächste gläserne Decke durchbrochen: Die Agrarfakultät der Universität Kassel, wo 1981 die erste Professur für Ökologische Landwirtschaft in ganz Deutschland eingerichtet wird und 1996 – zeitgleich mit der Institutsgründung in Wien – der erste gleichnamige Diplomstudiengang, nimmt international eine Vorreiterrolle in Sachen Ökolandbau ein. Hier stellt Ton Baars, habilitierter Biologe[5], seit 2005 – nicht unumstritten – eine Stiftungsprofessur für biologisch-dynamische Landwirtschaft.

„Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise hat mit ihrem grundlegenden Ansatz bei der Ideenentwicklung des Ökologischen Landbaus immer wieder eine Vorreiterrolle eingenommen”, kommentiert Cornelia Roeckl von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, die ganzheitliche Landwirtschaft in Deutschland fördert, diesen mutigen Schritt.

Warum mutig, warum umstritten? Die Art und Weise wie im Rahmen der biologisch-dynamischen Wissenschaft geforscht wird, ist eine ganzheitliche, holistische und auf J. W. v. Goethe zurückzuführende (goetheanistische) Form der Wissenschaft. Sie schließt den Menschen nicht nur als Verstandeswesen sondern auch mit seinem Gefühlsleben mit ein und behandelt sowohl die irdischen Erscheinungen als auch die kosmischen Kräfte, die durch die Planeten über das Wässrige auf unseren Planeten wirken. Außerdem wird das der biodynamischen Lehre zugrunde liegende anthroposophische Weltbild, das auf den Erkenntnissen von Rudolf Steiner beruht, häufig als Esoterik abgeurteilt.

Die BOKU zeigt Interesse

Knapp sechzig HörerInnen verfolgen die bio-dyn Vortragsreihe an der BOKU im vergangenen Wintersemester, fast doppelt so viele wie im Jahr davor.

Wie so oft in der Geschichte des Ökologischen Landbaus haben hier Studierende gemeinsam mit der Zielstrebigkeit der Demeter-Bäuerin und Philsophin Waltraud Neuper diese Vortragsreihe möglich gemacht. Wie in Witzenhausen wird die Umsetzung zunächst auch von einer Stiftung[6] ermöglicht, die von bio-dyn wirtschaftenden Betrieben und Verarbeitern getragen wird.

Das Vorlesungsseminar ist als Einführung gedacht, es werden die Hauptthemen des biologisch-dynamischen Landbaus überblicksmäßig vorgestellt. Phänomenologie und Kosmische Rythmen, biologisch-dynamische Tier- und Pflanzenzüchtung, Kompostierung und Düngung werden in den Kontext der Universität gebracht und damit einer umfassenden Kritikmöglichkeit ausgesetzt.

Die soziale Frage bleibt dabei vom ersten Vortrag an das Bindeglied – schließlich geht der Trend auch in der österreichischen Landwirtschaft seit Jahrzehnten immer mehr in Richtung Spezialisierung und Wachstum. Bäuerliche Betriebe, die sich der Biodiversität und Vielfalt am Betrieb verschrieben haben, wie das bei den meisten bio-dyn Betrieben der Fall ist, sehen sich zunehmend einem hohen wirtschaftlichen Druck ausgesetzt.

Brückenbau zwischen Theorie und Praxis

Die Lehrveranstaltung an der BOKU ist nur eine Facette der biologisch-dynamischen Ausbildung, die derzeit in Österreich und Slowenien aufgebaut wird. Auf Betriebsebene finden nun sowohl in Niederösterreich (Rosenburg) als auch in Kärnten (Wurtzerhof) regelmäßige Vernetzungstreffen statt, bei denen der fachliche Austausch im Mittelpunkt steht. Ziel ist es innerhalb der nächsten zwei Jahre ein Lehrbetriebenetz aufzubauen, das das Grundgerüst der neuen, freien Ausbildung darstellen wird. Nach dem Beispiel von ähnlichen Ausbildungsprogrammen wie sie in Hessen, am Bodensee und in Norddeutschland schon seit mehreren Jahrzehnten bestehen werden auch regelmäßig Kurse angeboten, die für die Lehrlinge verpflichtend und für alle Interessierten und PraktikerInnen offen sind.

Der Hauptunterschied zur konventionellen landwirtschaftlichen Ausbildung liegt in der Schwerpunktsetzung bei der Wissensvermittlung. Hier steht das Erfahrungswissen von Bäuerinnen und Bauern im Vordergrund der Vermittlung – neueste wissenschaftliche Erkenntnisse werden über Fachvorträge und Seminare, die vornehmlich in den Wintermonaten stattfinden, hineingenommen. Hier bestehen auf universitärer Ebene Abkommen mit der Uni Marburg und der BOKU, die Vortragenden sind international und kommen zu einem großen Teil aus Deutschland und der Schweiz.

Erwachen aus dem Dornröschenschlaf

Der Demeterbund in Deutschland hat in vielen Belangen dem österreichischen kleinen Bruder einiges voraus. Was die Reichweite der Produkte und die Professionalität der Ausbildung belangt – in Österreich hat sich in den 80 Jahren seit Gründung des Demeter-Bundes lange nicht so viel getan. Umso größer ist die Zielstrebigkeit mit der nun vorhandene Synergien gesucht und bestehendes Potential ausfindig gemacht werden. Eine interessante Entwicklung, die wir wohl an der BOKU noch länger mitverfolgen werden!

Mehr zu der biologisch-dynamischen Ausbildung auf http://demeter.at.

BOX:

Arbeitskreis Biologisch-Dynamische Landwirtschaft BOKU

Seit Beginn der Biologisch-Dynamischen Vorlesungsreihe dieses WS hat sich – gespeist aus dem regen Interesse – ein studentischer  Arbeitskreis gebildet um sich den Vortragsinhalten intensiver zu widmen.

Bislang wurden die Präparatepflanzen Schafgarbe und Kamille genauer unter die Lupe genommen und deren medizinische Wirkungen, botanische und pflanzenbauliche Eigenschaften studiert. Es sei verblüffend die Parallelen zwischen der Heilwirkung der Pflanzen, ihrer Wuchsform und ihren Standortvorlieben zu kennen und daraus ihre Wirkungsmöglichkeit als Kompostpräparat abzuleiten, so eine Studentin.

Weitere Ziele sehen die Mitglieder des Arbeitskreises, der jederzeit für Interessierte offen ist, in der Etablierung biologisch dynamischer Lehrinhalte an der BOKU und damit eine dauerhafte Einbindung der bestehenden bzw. ähnlicher Vorlesungen in die Studienpläne, wie das an der Agrarfakultät der Uni Kassel der Fall ist. Dadurch würde die Notwendigkeit wegfallen von Stiftungsgeldern abhängig zu sein, was eine unabhängige Forschung und Lehre in diesem Bereich erst möglich macht.

Wenn du dich für den Arbeitskreis interessierst, dann komm einfach zum nächsten Treffen.

Es findet voraussichtlich am zweiten Mittwoch im Monat, den 10. März um 18 Uhr in TÜWIs Hofladen statt. Wenn du die Einladungen per e-mail bekommen willst, dann schreibe an bokubrennt.biodyn@gmail.com.

Was gibt’s an der UB BOKU zum Thema? – eine kleine Auswahl

Koepf, Herbert H.(1996) Biologisch-dynamische Landwirtschaft: Eine Einführung.

Lehrbuchsammlung 70.50-4/4A,1

Bockemühl, Jochen (2005) Auf den Spuren der biologisch-dynamischen Präparatepflanzen

Lesesaal 71.89 Signatur I-99411

Koepf, Herbert H. (2001) Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise im 20. Jahrhundert

Utl: Die Entwicklungsgeschichte der biologisch-dynamischen Landwirtschaft

Lesesaal 70.50 Signatur I-91308

Schaumann, Wolfgang (1996) Rudolf Steiners Kurs für Landwirte, eine Einführung zu “Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft”.

Lesesaal 70.50 Signatur I-53791/46

Wistinghausen, Christian von (1998) Anleitung zur Herstellung bzw. Anwendung der biologisch-dynamischen Feldspritz- und Düngerpräparate.

Departementsbibliothek Angewandte Pflanzenwissenschaften, Signatur 952-Ob1046


[1] Thomas Lindental (Dr.) hat als Student die Gründung des IföL maßgeblich mitbegründet. Derzeit arbeitet er am Forschungs Institut für Biologischen Landbau (FIBL) in Wien.

[2] www.demeter.net

[3] Forschungsring bzw. Institut für biologisch-dyamische Forschung (IBDF) in Darmstadt (http://forschungsring.de).

[4] Zweigstelle des IBDF in Bad Vilbel bei Frankfurt (www.dottenfelderhof.de)

[5] Master-degree in Utrecht und promoviert in Wageningen

[6] StiftungspartnerInnen: Fa. Weleda, Wurzerhof (Ktn), Edlerhof (Stmk), Hr. Rosen, Lackner&Lackner

Sevilla, Freitag der 28.11.08, 11 Uhr: Wir besetzen mit ca. 100 LandarbeiterInnen das Hauptbüro der landwirtschaftlichen Exportfirma „asociafruit“. Ich sitze an einem Schreibtisch im Empfangsraum und hab mir einen Bleistift aus der Lade geklaut um das hier niederzuschreiben. Die Stimmung ist gut, die BesetzerInnen machen es sich bequem und bereiten sich darauf vor, dass sie zumindest einige Stunden hier bleiben werden. (von Tito B.)


Alle anwesenden ArbeiterInnen sind bei dem Agrarkonzern beschäftigt – oder zumindest waren sie das bis letzte Woche; denn das Unternehmen droht nun damit, all diejenigen zu entlassen, die sich in der unabhängigen Basisgewerkschaft SOC (syndicato de obrer@s del campo – auf deutsch LandarbeiterInnen-gewerkschaft) organisieren.


Mit dem Vorwand, dass es nicht genug Arbeit gäbe, sind sie vor die Tür gesetzt worden. „Dabei gibt es genauso viel Arbeit wie letztes Jahr! Der Grund war offensichtlich, dass wir dem Unternehmen mit unseren Forderungen unangenehm geworden sind“, empört sich Antoine, ein Arbeiter um die 50, mit dem wir gleich ins Gespräch gekommen sind. Wir erklären, dass wir aus Frankreich und Österreich kommen und dass wir über die Besetzung im Radio und in unseren Zeitungen berichten können. Dass die europäische Öffentlichkeit informiert wird, tut tatsächlich Not. Antoine erklärt uns, warum: „Asocia-Fruit ist eine sehr mächtige Export-Firma. Sie verkaufen Obst und Gemüse mit der Marke `Royal-Fruit` in vielen europäischen Ländern! Wir wollen, dass die KonsumentInnen wissen, was hier läuft!“


Wir erfahren, dass der Konzern eine Vielzahl an Ländereien besitzt, nicht nur in Andalusien, sondern auch in der Nähe von Barcelona und sogar in Algerien. Auf der Plantage, auf der die hier versammelten ArbeiterInnen beschäftigt sind, werden Pfirsiche und Marillen kultiviert. Jetzt, im November, arbeiten ca. 150 Leute auf der Finca, die einige hundert Hektar umfasst. Während der Ernte, die im März beginnt, sind es bis zu 1000.


„Es gibt sehr viel Druck während der Arbeit“ berichtet Antoine. „Die Kontrolleure treiben dich immerzu an. Bei der Erntearbeit zählen sie, wie viele Kisten du angefüllt hast und wie viele Bäume du in welcher Zeit schaffst. Wir hören dann: ‘Die andere Gruppe hat so und so viel geschafft. Wenn ihr morgen nicht ebenso viel erntet, fliegt ihr raus!’ Diese Kontrolleure wissen, wie viel Kilo Pfirsiche oder Marillen ein Baum circa trägt. Sie zählen also die Bäume, die du geerntet hast, und so wissen sie, wie viel Kilo du gepflückt haben musst. Wenn du nicht genug hast, stehst du morgen auf der Straße. Das ist versteckte Akkordarbeit! Wir wollen arbeiten, aber wir fordern, dass es keine Akkordarbeit gibt!“

Die SOC hat gegen diese Missstände mobilisiert, während die anderen beiden Gewerkschaften, die im Betrieb präsent sind, die UGT und die CC.OO., nicht nur mit der Betriebsleitung kollaborierten, sondern sogar akzeptierten, dass eine große Polizei-Aktion gegen die Streikenden organisiert wurde. Als zu Beginn der Woche der Konflikt ausbrach, wurde zunächst die Plantage besetzt. Die ArbeiterInnen blieben über Nacht, Decken wurden organisiert, Lagerfeuer angezündet. Aber nicht alle ließen sich überzeugen, mitzumachen. Zu groß war der Druck seitens des Betriebes: „Allen, die sich uns anschließen wollten, wurde gedroht, dass sie ebenfalls entlassen würden“, erklärt Antoine. Gestern rückte dann die Polizei an – seitdem arbeiten ca. 40 LandarbeiterInnen auf der Finca, abgeschirmt von 200 PolizistInnen. Unglaublich – was an Zustände im ländlichen Kalifornien des frühen 20. Jahrhunderts erinnert, spielt sich heute mitten in der EU ab.


Angesichts dieser repressiven Maßnahmen beschloss die SOC, von der Plantage abzuziehen und stattdessen nach Sevilla zu gehen, um den Hauptsitz von „asociafruit“ zu besetzen. So kommt es, dass wir nun hier sind.

Die Szenen im Büro erinnern an den Film „Tout va bien“ von Jean-Luc Godard. In diesem Klassiker der 70er Jahre besetzt die Belegschaft eines französischen Schlachthofes ebenfalls das Büro der Betriebsleitung. Während der Besetzung kommt es zu grotesk-witzigen Szenen, die sich in diesen Minuten, im Zentrum von Sevilla, zu wiederholen scheinen: Ein Gewerkschaftsmitglied gibt ein Interview für einen spanischen Fernsehsender – der Gang ist zu eng und der Büroangestellte der besetzten Firma würde das Interview stören, wenn er jetzt aufs Klo gehen würde. Einige ArbeiterInnen halten ihn auf, er schimpft („Das ist mein Büro hier!“), aber es nützt ihm nichts. Eine andere Büroangestellte regt sich auf, weil die BesetzerInnen den Fernseher im großen Versammlungsraum angestellt haben und an den Jalousien rumwerkeln. Geschrei, Gelächter, keine Chance, dass die ArbeiterInnen auf sie hören.


Es sind etwa gleich viele Frauen wie Männer anwesend, ein Kleinkind von etwa einem Jahr ist auch im Saal. „Während des Booms am Bausektor gingen viele Männer aus der Landarbeit weg, weil die Löhne am Bau höher waren – daraufhin wurden viele Frauen auf den Plantagen beschäftigt. Nun, mit der Finanz- und Immobilienkrise, kommen viele Männer zurück in die Landwirtschaft – was zur Folge hat, dass eine große Zahl an Frauen ihre Arbeitsplätze wieder verlieren, da Männer bevorzugt werden“, erklärt uns Antoine. „Leider gibt es noch viel Machismo hier in Spanien. Eine Frau sollte das gleiche Recht auf Arbeit haben wie ein Mann!“, ergänzt er.

Wir erfahren auch, dass aufgrund der Krise schwere Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen an ArbeiterInnen drohen. SpanierInnen und ArbeitsmigrantInnen verschiedener Herkunft konkurrieren um den kargen Tagelohn der Landarbeit. „Konflikte zwischen den ArbeiterInnen – das genau ist es, was die Unternehmen wollen“ erbost sich Antoine.


In der Provinz Almeria, ca. vier Autostunden südöstlich von hier, komme es immer öfter vor, dass auf der Straße ArbeitsmigrantInnen aus afrikanischen Ländern zu sehen seien, die ihren „Preis“ auf ein Kartonschild geschrieben haben: „2 personas para 30 Euros“ – zwei Arbeitskräfte für 30 Euro. Pro Tag, versteht sich. Almeria ist für die Produktion von Treibhausgemüse unter tausenden Hektaren von Plastik für den europäischen Markt bekannt geworden. Die SOC ist auch dort aktiv – die kleine Gruppe der lokalen AktivistInnen setzt sich hauptsächlich aus Leuten zusammen, die selbst nach Spanien migriert sind und die die harte Arbeit in den Treibhäusern kennen. Sie stammen u.a. aus dem Senegal und aus Marokko und sprechen die Sprachen der LandarbeiterInnen – arabisch, französisch oder wolof.


Wir drängeln uns in das Hauptbüro, in dem ein verängstigter Mitarbeiter an seinem Schreibtisch sitzt und versucht zu verdrängen, dass er sich mitten in einer Besetzungsaktion befindet. Auf unsere Anfrage, was denn hier los sei, will er uns nicht antworten. Ebenso wenig kann er uns sagen, wann jemand kommt, der dazu befugt wäre. Er blickt in die Unterlagen, die er sich pro forma zurechtgelegt hat, um sich nicht mit uns konfrontieren zu müssen.


Die spanischen Medien, die hier im Büro anwesend sind, interessieren sich für uns, da sie erkennen, dass wir keine Beschäftigten des Betriebes sind. Wir stellen uns als „Foro Civico Europeo“, als „Europäisches BürgerInnenforum“ vor und geben ein Interview, in dem wir betonen, dass wir es empörend finden, unter welchen Bedingungen das Obst und Gemüse produziert wird, das in den europäischen Supermärkten landet. Eigentlich sind wir nach Andalusien gekommen, um unsere Freundinnen und Freunde von der SOC, die wir seit Jahren kennen und deren Arbeit wir unterstützen, auf einer ihrer selbstverwalteten Landkooperativen zu besuchen. Dass unsere Reise mit solch einer Aktion beginnen würde, damit haben wir nicht gerechnet.


Am selben Tag, ca. drei Stunden später: Die Polizei, die während der gesamten Dauer der Besetzung nur wenig zu sehen war, rückt nun mit Dutzendschaften an Spezialeinheiten an. Wir stehen kurz vor der Räumung. Von etlichen SOC-AktivistInnen wird kommuniziert, dass von unserer Seite keine Gewalt ausgehen wird. Etwa eine halbe Stunde später ist das Büro geräumt. Ob der Druck auf das Unternehmen ausgereicht hat, um die Forderungen der Streikenden zu erfüllen, können wir zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Wir hoffen, etwas zur Besetzung beigetragen zu haben und nehmen uns vor, so viel wie möglich über die Aktion zu berichten und die SOC so zu unterstützen.

Wenn ihr also das nächste Mal in den Supermarkt geht und Obst oder Gemüse mit der Aufschrift „Royal-Fruit“ seht, dann nehmt euch ein paar Minuten Zeit und denkt nach, was wir gemeinsam gegen Ausbeutung und mieses Essen tun können. Vielleicht fällt uns, inspiriert von den Aktionsformen der SOC, etwas ein!


admin on November 9th, 2008

Im Bio-Landbau klaffen Theorie
und praktische Umsetzung weit auseinander

von Michael Machatschek

Die Herstellung von Lebensmitteln in der biologischen Landwirtschaft ist an
die Regeln naturschonender Landnutzungsformen gebunden. Doch der Begriff
“bio” ist weit ausleg- und interpretierbar, und die Richtlinien können
unterschiedlich gehandhabt werden. Die “ökologische” Deklaration der
Bioprodukte ist mittlerweile zum Deckmäntelchen geworden, da in der Praxis
Naturkreisläufe und die Aspekte der Regionalität des Verbrauchs, also echte Ressourcenschonung und Klimaschutz, nur ansatzweise berücksichtigt werden.

Auf dem Papier klingt der Verzicht auf synthetische Kunstdünger und Spritzmittel fantastisch. Allerdings kann man mit den hofeigenen organischen Düngern auch das Grünland kaputtwirtschaften und Böden unter dem Druck der Maschinen stark verdichten.
Die Pflanzengesellschaften bestätigen zwischen
konventioneller und ökologischer Arbeitsweise keinen Unterschied. Die Ansätze kluger Gedanken und die guten Absichten stimmen uns großteils milde.
Und wir glauben, mit dem Kauf von Bio-Nahrungsmitteln wäre unser Beitrag zur Nachhaltigkeit geleistet und unser Gewissen zu Recht beruhigt. Dem ist heftig zu widersprechen. Den ökologischen Wandel sähen wir gerne als vollzogen an. Doch ein Blick in die Landschaften und Ställe des ökologisch
orientierten Landbaus spiegelt keinen Vollzug einer ersehnten Agrarwende wider. Auch wenn mit Hecken und Biotöpchen die Landschaft zu schönen versucht wird.

Landschaften sind Visitenkarten

Von wegen nachhaltiges Wirtschaften in der Landschaft: Bei der Betrachtung von Wiesen und Weiden werden wir stutzig, wenn wir im Frühling weite Bereiche mit dem Gelb des blühenden und dominant auftretenden Löwenzahns vorfinden. Der Wiesen-Löwenzahn ist Indiz für intensive Kunststoff- oder
Biodüngerausbringung, verdichtete Böden und Grundwasserverschmutzung.

Eine gewissenvolle Debatte darüber, inwiefern die eigentlichen Ziele der ökologischen Orientierung noch gegeben sind oder nicht, ist überfällig. Denn wenn wir auf charakteristischen Untersuchungsflächen durchschnittlich zwölf Pflanzenarten finden, bestätigt dies, dass der Ökolandbau seine Ziele aus den Augen verliert. Auch bei der Orientierung an der Massenproduktion steht der Biolandbau der konventionellen Intensivlandwirtschaft keineswegs nach.
Eine Ursache dafür ist, dass Biobetriebe – mit Ausnahmen – biologisch hergestelltes Kraft- und anderes Futter ohne Obergrenze auf ihren Höfen einsetzen können. Daraus resultiert ein Überhang an organischen Düngern, welche auf den Wirtschaftsflächen “entsorgt” werden, was wiederum erkennbarist am häufigen Auftreten großblättriger Ampferarten.

Ökologisierung der Industrialisierung

Von wegen Berücksichtigung ökologischer Kreisläufe: Das aktuell vorherrschende ökonomische Denken zwingt die ökologisch orientierten Landnutzer auf eine agroindustrielle Strukturschiene. Anstatt kleine,
stabile Einheiten und ressourcen- und klimaschonende Landnutzungsformen zu fördern, gleitet auch der Ökolandbau immer mehr in die konventionellen Muster von Wachstum und Fortschritt ab. Aus ökologischer Sicht ist der Ökolandbau dem Produktionswahn mit all den Folgen der Intensivlandwirtschaft verfallen.

Konsument/-innen gehen von einem tadellosen Funktionieren einer ökologisch orientierten Landbewirtschaftung aus, weil ihnen eine heile Welt der Ökolandschaft vorgegaukelt wird. Dabei ist bis auf die Frage der Spritzmittelrückstände kaum ein Unterschied in den Qualitäten konventioneller und ökologisch erzeugter Nahrungsmittel feststellbar. Ein Unterschied – bis auf den synthetischen Chemieeinsatz – ist deshalb nicht herleitbar, da im Grunde genommen zwei annähernd gleiche Produkte und Wirtschaftsweisen verglichen werden. Bis auf wenige Ausnahmen wie etwa den biologisch-dynamischen Landbau (Demeter) stehen die sich heute dem biologischen Landbau zurechnenden Betriebe in punkto agroindustrieller Wirtschaftsideologie den konventionell wirtschaftenden nicht nach.

Dies äußert sich etwa in großen Betriebseinheiten, Massenproduktion und hohen Leistungsansprüchen, in Überdüngung und Grundwasserbelastung durchGülleüberhang, in Selbstausbeutung der Bewirtschafter, in nicht artgerechter Fütterung, Haltung und Enthornung der Tiere sowie ihrer kurzen Lebensdauer, in offenen Fragen der Tiermedizin, weiten Viehtransporten und hohem Maschineneinsatz.

Die Schweinekuh

Von wegen artgerechte Tierernährung: Alle unsere Kühe werden heute wie die Schweine gefüttert. Die Kuh hat einen Rohfaser und keinen Stärke und Eiweiß verdauenden Magen. Diese Tatsache wird auch im Biolandbau vergessen, wenn ihr in der Hauptsache Silage, zweiter und dritter eiweißreicher Aufwuchs (Grummetheu) und Kraftfutter verabreicht werden. Es wird zwar von der Heufütterung gesprochen, aber echtes und rohfaserreiches Heu des ersten Aufwuchses, zur richtigen Zeit gemäht, erhalten Kühe kaum mehr. Zudem beweiden heute die Kühe die Wiese und nicht die Weide.

Was den Bewegungsbedarf angeht, ersetzen Stallauslauf oder die Haltung im Laufstall nicht den Weidegang. Auch mit biologisch hergestellten Futtermitteln können sich unsere Nutztiere zu Tode fressen. Die Hauptursache für das Krankwerden und den Abgang der Kühe ist infolge der hohen
Futtergaben und in Ermangelung falscher Futtermittel schlicht ihre Überfressenheit und dadurch bedingt Selbstvergiftung und Kreislaufprobleme.
Auch Schafe, Ziegen und Pferde werden heute bereits wie Schweine gefüttert.

Aus dem unbegrenzten Einsatz von Futtermitteln resultieren sehr hohe Mengen organischer Dünger, obwohl der Viehbesatz pro Fläche theoretisch eingehalten wird. Aus der über Gebühr anfallenden und eingesetzten Gülle entwickelt sich arten- und kräuterarmes Grünland so weit das Auge reicht. Die Pflanzen werden mit Gülle “gemästet”, damit möglichst oft und viel geerntet werden kann. Stark gemästetes Futter soll sodann gesundes Vieh und gesunde Nahrungsmittel für uns Menschen schaffen?

Bauern oder Landwirte?

Von wegen Biobauern: Ohne heimattümliche Absichten zu suggerieren sei ein Spruch des volksmündlichen Gebrauchs wiedergegeben: “Bauern brachten sich fort, Landwirte bringen sich um”. Warum es heute fast keine Bauern mehr gibt, ist ein Zeichen der wirkungsvollen Agrarpropaganda von mehr Technikeinsatz und Wirtschaftlichkeit, welche die Politik über Institutionen wie Beratungsstellen oder Landwirtschaftsschulen verbreiten lässt. 1) Im Grunde genommen müssten heute übliche Biobauern demzufolge als Biolandwirte bezeichnet werden, weil sie sich um ihre Existenz bringen. Den Wert sorgsam hergestellter Lebensmittel bestimmte etwas ganz anderes, auf alle Fälle nicht die geldwertorientierte Massenproduktion und zählbare Parameter.

Das größte Manko der heutigen Zeit ist der Verlust des Hausverstandes und der Naturbeobachtung, denn wer aufmerksam wäre, hätte die Methoden der ökologischen Herstellung schon längst hinterfragt. Wir ergießen uns in Superschriften über den Biolandbau, vergessen allerdings dabei die
Überprüfung und Auswirkungen der Inhalte auf ihre praktische Bedeutsamkeit. Der Mangel an Bodenhaftung und Bio-Logik der Wissenschafter und Verbände führt zu einer Abgehobenheit ihrer Aussagen von den praktischen Ebenen, die auf die Vermutung hin, dass sie in der Praxis Bestand hätten, in Richtlinien geformt zur ökologischen Nachhaltigkeit führen sollen.

Nachhaltige Wirtschaftsweisen werden einer abstrusen Technikgläubigkeit untergeordnet und durch den erhöhten Einsatz von Agrartechnik kompensiert.
Je größer die Betriebseinheiten werden, umso eher geht das ökologisch nachhaltige Handwerks- und Erfahrungswissen wie auch der handsame Umgang mit den Nutztieren verloren und umso willfähriger werden die Landwirte, die sich Biobauern nennen. Mit der Vereinnahmung des Biolandbaus in das
konventionelle Wirtschaftssystem sind den Bauern Geschehen und Diskurs entglitten und der Dirigismus kommt von oben herab zum Durchschlag.

Missbrauch des Naturschutzes

Trotz aller Sympathie für den Biolandbau werden die derzeit bestehenden Grundvoraussetzungen des biologischen Landbaus keiner ehrlichen Auseinandersetzung unterzogen, sondern vielmehr die Konsumenten einer Propaganda mit romantischem Flair ausgeliefert. Und innerhalb der Verbände
wird die Kritik absichtsvoll übersehen. Die viel zitierte Agrarwende ist nur scheinbar in der Praxis angekommen. De facto wird sie nicht Fuß fassen können, wenn der Ökolandbau weiterhin wie die konventionelle Agrarindustrie wirtschaftet und der Realität in der Landschaft und in der Viehhaltung
lediglich das Wunschdenken einer abgehobenen Debatte gegenübersteht.

Es bleibt auch unreflektiert, dass die Agrarpolitik den Naturschutz als marktausgleichendes Steuerungsinstrument missbraucht. Ehemals ökologisch wertvolle Schutzflächen verbrachen zunehmend oder wachsen mit Gehölzen zu, weil sie durch den Käseglocken-Naturschutz regelrecht “kaputtgeschützt” wurden. Das genutzte Land indes wird scheinbar “ökologisch”, aber intensiv
bewirtschaftet. Dass Trinkwasserbrunnen in diesen intensiv genutzten Landschaften geschlossen werden und Brauchwasser aus weiter Entfernung herantransportiert werden muss, bezeugt diese Verfehlungen.

Im Kompromiss werden Ökologie und die Ökobewegung ökonomisiert und zur “nachhaltigen” Perfektionierung des Wirtschaftsystems missbraucht, denn Öko ist in und wird unter Mithilfe der Sozialökologie zum Konzept erhoben. 2) Innovationen werden zur Wirtschaftsbelebung verwendet, wodurch noch mehr Wachstum und Fortschritt und eine noch effizientere Ausbeutung vorhandener
Ressourcen bewirkt werden – getragen von einem obskuren Bild von Ökologie.

Anstatt die Situationen prüfend zu hinterfragen, werden die hier vorgetragenen Beobachtungen wieder schön geredet werden und die Landschaft und die Nutztiere verharren weiterhin in Daseinsformen, die mit Ökologie nichts zu tun haben.

1) Sigmar Groeneveld: Agrarberatung und Agrarkultur, Kassel 1996
2) Joachim Radkau: Natur und Macht, München 2002

Der Autor, Jahrgang 1963, lebt als Bauer und Wanderforscher in einem
Kärntner Bergdorf und beschäftigt sich mit alten Landnutzungsweisen,
Landschafts- und Nutzpflanzenkunde. Erstabdruck des Artikels in: Politische
Ökologie 110, München 2008.