Ich bin allein, verdammt einsam –

manchmal hab’ ich das Gefühl umgeben von Stäben zu sein,
von denen sich nur wenige nicht abgeschreckt fühlen …

An der Supermarktkasse finde ich mich vor einer Schleuse wieder, die mich nach einer fließbandmäßigen Abfertigung in die Freiheit entlässt. In die Freiheit? Was ist das für eine Freiheit, solange in den Regalen Lebensmittel liegen aus ausbeuterischen Verhältnissen, von landwirtschaftlichen MigrationssklavInnen geerntet, in Verarbeitungshallen verpackt und mit Strichcodes versehen? Als Sinnbild für dieses Gefängnis starrt mich dieser Stempel der Wahlfreiheit unentwegt an. Jedes Produkt, das zum Leben dienen soll, trägt ihn.

Wer drückt den Lebensmitteln diesen Stempel auf?

Sind es die BäuerInnen, die sich immer weiter spezialisieren, ihre Produktion industrialisieren und sich selbst letzten Endes zu FließbandarbeiterInnen einer Rohstoffmaschine degradieren? Oder sind es die ErntearbeiterInnen, die sich unter widrigen Bedingungen als unterbezahlte und illegalisierte WanderarbeiterInnen und SaisonarbeiterInnen verdingen um sich und ihren Familien ein Leben in Armut zu erarbeiten? Oder sind es die VerarbeiterInnen und PackerInnen, die in geschlossenen Hallen bei künstlichem Licht tatsächlich dafür sorgen, dass die Gitterstäbe des Strichcodes auf den Produkten landen, die ihnen im Supermarkt wieder angeboten werden, wofür sie arbeiten um sich zu ernähren und sich eine Wohnung im Häuserblock leisten zu können …

Oder sind es die Menschen, die im Supermarkt arbeiten, die FilialleiterInnen und LagerarbeiterInnen, die KassiererInnen und RegalschlichterInnen, deren Arbeitsalltag durch diesen Strichcode enorm erleichtert wird, weil die Logistik und der Einkauf gänzlich hinter der Kulisse des Supermarktes stattfindet. Weil nur noch der Importeur wirklich einen Überblick über die Mengen und Produkte hat, die tonnenweise, im Laufe eines Tages, begleitet von tausenden von „Blieps“ über die Ladentische gezogen werden, von unterbezahlten und in Überstunden schuftenden KassiererInnen, die mit Ringen unter den Augen noch nicht einmal mehr fragen zu brauchen „Darf’s ein bissl mehr sein?“ weil sie das gar nicht entscheiden können. Trotzdem lächeln sie – freundlich und geschäftsfördernd.

Glaubst du lächeln sie auch, wenn sie die Überreste eines Verkaufstages, die 100en Kilo reduzierten Brotes, die 100en Kilo reifer Bananen und die 100en Kilo Salat, Tomaten und Paprika, in die LandarbeiterInnen 1000e Liter von Erdöl und Arbeit gepumpt haben, die von ErntearbeiterInnen unter Plastik und Giftnebel gepflückt wurden, die in Lagerhallen gereift und begast und in Verpackungsstationen gebündelt und gestempelt wurden und nach langen Transporten mit dem Schiff, Flugzeug oder LKW endlich nach mehreren Kühllagern im Regal gelandet sind, ohne jemals das Tor zur Freiheit, die Schleuse der Kassa-Fließbänder mit einem „Bliep“, vom gequälten Lächeln einer/s Kassaangestellten begleitet, ins Leben passieren zu dürfen, einfach in den Müll werfen? Unerwünscht. Überflüssig. In einer Welt in der Milliarden hungern. Milliarden Überflüssige?

Ich kann mir den Weg durch die Schleuse nicht leisten.

Ich entferne die Gitterstäbe des Strichcodes und breche aus – in ein schöneres, freieres Leben.

Solange es Menschen gibt, die darin gefangen sind, sind wir nicht frei.

MAYDAY! Kämpfen wir für ein schönes Leben!

Am 1. Mai 2011 wird es die 5. MAYDAY-Parade in Wien geben, um die Kämpfe der prekär Arbeitenden für ein gutes Leben zu verbinden und voranzutreiben. Startpunkt: 14 Uhr, Wallensteinplatz, 1200 Wien

Prekär Kämpfen! Prekär Tanzen!

http://mayday.prekaer.at

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