Im Dezember 2009 hat sich die Arbeitsgruppe „gemeinsam landwirtschaften“ zusammengefunden um das CSA-Konzept (Community Supported Agriculture) für den Gärtnerhof Ochsenherz in Gänserndorf bei Wien – und damit zum ersten Mal in Österreich – zu erarbeiten. Warum eigentlich?

Das aktuelle Preissystem, das auf der breiten Akzeptanz beruht, dass Angebot und Nachfrage den Preis gestalten, kann eigentlich als auslaufendes Lehrmodell betrachtet werden, auf dem Weg zu einem sozial verträglichen Geben und Nehmen. Bisher wurden die Bedürfnisse der Konsumierenden sowie der Produzierenden getrennt voneinander bzw. einander bedingend betrachtet. Die Ware wurde auf bestimmte Eigenschaften reduziert (z.B. „fair“, „bio“, „regional“) und ihr Wert – also das, was es einem wert ist – wurde stets in Relation zum Einkaufspreis bemessen.

Angebot und Nachfrage – und was bleibt?

Diese Art der Bewertung führt zu einem Wettbewerb, der die Kaufkriterien der KonsumentInnen (wie eben „fair“, „bio“, „regional“) auf die Warenform reduziert. Die Produzierenden/BäuerInnen müssen nun – um am Markt bestehen zu bleiben – ihre Produktion effizienter gestalten und an die preislichen Verhältnisse am Markt anpassen. Ziel ist es – stets unter dem Konkurrenzdruck anderer BäuerInnen – Waren zu produzieren die den Kriterien der KonsumentInnen entsprechen. Dabei werden meist charakteristische Arbeitsabläufe automatisiert, bodenschonende Handarbeit reduziert und Produktvielfalt abgebaut. Was übrig bleibt ist ein Zertifikat, das die Mindestbestimmungen garantiert. Von der ursprünglichen Prozessqualität bleibt meist nicht mehr viel.

Abhängigkeiten im Handel(n)

So führt, verkürzt dargestellt, das Preissystem zu einer Anonymisierung beider Handelnden. Die Gebenden (Produzierenden) treten in den Hintergrund ihrer Produkte, während die Nehmenden (KonsumentInnen) auf ihre Ansprüche reduziert werden. Da sich die jeweiligen Akteure hinter den gegenseitigen Vorstellungen verstecken, z.B. „wie etwas auszusehen hat“, „was es kosten soll“, machen sie sich von einander abhängig und setzen sich der Konkurrenz des Marktes aus.

Beziehungen erfahren statt Abhängigkeiten (re)produzieren

Das letzte Arbeitsgruppentreffen von ge_la, das ich miterleben durfte, fand am 17. Mai in einer Souterrainwohnung im 14. Bezirk statt. Die Konsumierenden des Gärtnerhof Ochsenherz wollen sich nicht mehr als stille Gemüseempfangende verstanden wissen. Vielmehr wollen sie miteinander lernen gemeinsame Lösungen für die Probleme des Gärtnerhofes zu finden und „einen dynamischen Prozess des Gebens und Nehmens entwickeln“.

„Wir haben beschlossen, die klassische Trennung von Konsumierenden und Produzierenden aufzuheben und sind dabei, eine gemeinsam getragene Kulturform, die sozial verträgliche Landwirtschaft möglich macht, zu entwickeln.“ steht selbstbewusst im aktuellen Faltblatt, das auf die Möglichkeiten, die ge_la bietet, hinweisen und Interesse wecken soll.

„Ein Entschluss wirkt, weil er muss“ – diesem Gedanken Goethes folgend, kann nun die Arbeit und der beiderseitige Lernprozess beginnen.  Denn solange nicht beiden Seiten bewusst ist, dass sie außerhalb der Vorstellungsmuster von KonsumentInnen bzw. ProduzentInnen auch selbstständig agieren müssen, passiert gar nichts. „Als wir uns zum ersten Mal ohne die Menschen vom Gärtnerhof getroffen haben, ist uns bewusst geworden, dass sie in ihrer Existenz auf uns angewiesen sind – damit wurde auch klar, dass wir aktiv werden müssen, wenn wir weiterhin dieses Gemüse essen wollen.“ stellt Eva H. fest.

Es ist nicht egal …

Eine Frage bleibt jedoch offen: Macht es einen Unterschied, welche Beziehung ich zu den Produkten habe? Gute Qualität gibt es doch schon im Einzelhandel, am Markt, im Bio-Kistl! – Wirkt sich diese dynamische Beziehung zwischen den Menschen in der Landwirtschaft, die Gemüse geben und den Menschen, die es nehmen auf die Produktqualität aus? Die Akteur-Netzwerk-Theorie[1] besagt, dass das durchaus möglich ist. Kennen wir das nicht aus eigener Erfahrung? Menschen, die Eier essen, haben Folgendes sicher schon erlebt: Während die Vorstellung von einem Ei aus Freilandhaltung Appetit anregt, kann die Information „aus Käfighaltung“ Ekel hervorrufen, auch wenn es sich in beiden Fällen um dasselbe Ei handelt. Und wie ist das mit ge_la – Gemüse?

Sylvia B.: „Ich möchte das Gemüse von diesen Menschen, so wie es ist und wie sie es produzieren.“  „Dieses Gemüse stärkt meine Verbindung zum Boden und gibt mir die Kraft, die ich für meine Arbeit als Coach, mit anderen Menschen, brauche.“ meint Petra H., eine „Konsumentin“ aus Wien. Unlängst habe ihr eine gute Bekannte nach einem anstrengenden, dreitägigen Workshop gesagt: „Du siehst erschöpft aus, das ist in Ordnung. Und du strahlst.“

Teilnehmen erwünscht: Menschen, die sich aktiv in die Arbeitsgruppe ge_la – gemeinsam landwirtschaften für den Gärtnerhof Ochsenherz – http://ochsenherz.at – einbringen wollen oder Ernteanteile beziehen wollen, können sich unter gela@ochsenherz.at melden.

Was bedeutet Community Supported Agriculture (CSA)?

Der Bauer/die Bäuerin soll nicht als HändlerIn landwirtschaftlicher Produkte wahrgenommen werden, die sich nebenbei um die Produktion kümmert und somit das Produkt als Messlatte für ihren Erfolg definiert. Vielmehr soll die landwirtschaftliche Tätigkeit wieder im Mittelpunkt stehen, die aktiven LandwirtInnen von den VerbraucherInnen getragen werden und das gemeinschaftliche Hofleben als Indikator für Erfolg durch sich wirken.

Wie funktioniert CSA?

Eine Gruppe von KonsumentInnen übernimmt das laufende Jahresbudget eines Hofes durch Vorfinanzierung. Im Gegenzug verpflichten sich die HofbetreiberInnen, die KonsumentInnen ganzjährig mit qualitätsvollen Hoferzeugnissen in Form von Ernteanteilen zu versorgen. Beide Seiten bilden eine Wirtschaftsgemeinschaft, in der Ernteerfolge, aber auch Ernteausfälle gemeinsam getragen werden.

Woher kommt CSA?

Die CSA-Idee hat ihren Ursprung in der biologisch-dynamischen Bewegung und folgt den Gedanken des Anthroposophen Rudolf Steiner. CSA-Betriebe haben sich in Japan, den USA, der Schweiz und Deutschland bereits erfolgreich etabliert.

Buchempfehlungen:

R. Steiner (1917) Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft.

E. Henderson und R. Van En (2007) Sharing the Harvest: A Citizen’s Guide to Community Supported Agriculture.

T. Lyson (2004) Civic Agriculture – Reconnecting Farm, Food, and Community.


[1] B. Latour (2007) Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie.

2 Responses to “Schluss mit Handel – gemeinsam landwirtschaften!”

  1. Sven sagt:

    Wenn man versucht (zumindestens in vielen Regionen Deutschlands) regionale Produkte zu kaufen, ist dies schon eine unlösbare Aufgabe. Selbst auf dem Wochenmarkt – wo früher der Bauer stand – finden sich heute nur noch Produkte aus dem nächsten Fruchthof.

    Bevor man also “Schluß mit Handel” schreit, sollte man erst mal Anbieter suchen die noch etwas anzubieten haben.

  2. admin sagt:

    Hallo Sven, danke für deinen Beitrag!

    Das stimmt – seit 2008 sind auch die Direktvermarktenden in Ö rückläufig (http://is.gd/ek5xB) – wobei zu bemerken ist, dass sich die Lebensmittelkontrollore hier als Spielverderberinnen einer regionalen LM-Versorgung aufspielen, wenn industrielle Betriebe und KleinbäuerInnen mit einem Maß gemessen werden (Beispiele: Stiefelputzmaschinen und WCs für TierärztInnen sind verpflichtend), was viele vor Investitionsausgaben stellt, denen sie nicht gewachsen sind. Ob Direktvermarktung gefördert wird oder verunmöglicht ist eine politische Frage – bei uns wird derzeit die Wettbewerbsfähigkeit landwirtschaftlicher Unternehmen von der Agrarpolitik in den Vordergrund gestellt …

    Der – zugegeben – provokante Titel ist bewusst gewählt: Handel muss neu gedacht werden! Statt auf missverständliche Werbebotschaften zu setzen ist eine direkte Kommunikation zwischen BäuerIn und Verbrauchenden wichtiger denn je. Transparenz was Produktion und Arbeitsaufwand betrifft, kann bei aktiven VerbraucherInnen auf Verständnis stoßen – wenn die Qualität nicht stimmt kann durch direktes Feedback Einfluss genommen werden. Handel neu denken heißt diesen als Kommunikationsprozess wahrzunehmen und alle Elemente zu entfernen die diesem hinderlich sind. Positive Beispiele sind z.B. die http://regionalwert-ag.de oder http://buschberghof.de sowie http://ochsenherz.at mit ihren CSA-Konzepten. Was das im konkreten Fall bedeutet? huh – Ich freue mich auf weitere Diskussionsbeiträge!

    Die oben genannten Beispiele aus den Hygienevorschriften sind Erzählungen von LandwirtInnen auf unserer sommerspektakel-tour in OÖ (http://sommerspektakel.posterous.com/

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