Biologisch-Dynamisches an der BOKU – Keine Utopie mehr!

Die landwirtschaftliche Lehre an der BOKU ist – dank dem Engagment interessierter Studierender – um eine Facette reicher geworden. Mit dem Vorlesungsseminar „933.001 Biologisch dynamischer Landbau“, das im vergangenen Wintersemester zum zweiten Mal stattfand, erhält diese international verbreitete Wirtschaftsweise Raum in der BOKU-Lehre und stößt auf reges Interesse.

Seit 1996 gibt es nun das Institut für ökologischen Landbau (IföL) an der BOKU und seit mehr als 25 Jahren lebt die Bio-Bewegung von der Initiative einzelner Studierender[1], die sich dafür einsetzen. Nicht mehr und nicht weniger hat auch zur Einrichtung des Instituts für ökologischen Landbau (IföL) an der BOKU geführt. Die Universität für Ökologische Agrarwissenschaften Kassel hat eine ähnlich bewegte Geschichte – im Jahr 2005 kam ein neuer Meilenstein hinzu: Die europaweit erste Professur für biologisch-dynamische (bio-dyn) Landwirtschaft.

Kleine Forschungsgeschichte[2] des bio-dyn Landbaus

Seit der Begründung der bio-dyn Wirtschaftsweise im Jahr 1924 gibt es eine Reihe von Arbeiten, Dissertationen und Habilitationen auf diesem Gebiet. Die Universität Hohenheim stellt im Jahr 1973 eine ihrer Versuchswirtschaften auf bio-dyn um und an der Justus v. Liebig Universität Gießen wird die erste Dissertation zu einer bio-dyn Fragestellung angenommen.

Im Jahr 1978 startet die Landwirtschaftskammer Rheinland mit der Universität Bonn und dem Forschungsring[3] den Langzeitversuch “Betriebsvergleich dynamisch/organisch/konventionell”, kurz DOK-Versuch genannt, auf dem Boschheide-Hof im Rheinland, der die Humusaufbau fördernde Wirkung der Präparate nachweist.

1994 schließt Dr. Hartmut Spieß, Mitarbeiter des “Institut für biologisch-dynamische Forschung (IBDF)” am Dottenfelder-Hof[4], die erste Habilitation über ein biologisch-dynamisches Thema, den pflanzenbaulichen Einfluss der Mond-Rhythmen, ab.

Im Jahr 2005 wird die nächste gläserne Decke durchbrochen: Die Agrarfakultät der Universität Kassel, wo 1981 die erste Professur für Ökologische Landwirtschaft in ganz Deutschland eingerichtet wird und 1996 – zeitgleich mit der Institutsgründung in Wien – der erste gleichnamige Diplomstudiengang, nimmt international eine Vorreiterrolle in Sachen Ökolandbau ein. Hier stellt Ton Baars, habilitierter Biologe[5], seit 2005 – nicht unumstritten – eine Stiftungsprofessur für biologisch-dynamische Landwirtschaft.

„Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise hat mit ihrem grundlegenden Ansatz bei der Ideenentwicklung des Ökologischen Landbaus immer wieder eine Vorreiterrolle eingenommen”, kommentiert Cornelia Roeckl von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, die ganzheitliche Landwirtschaft in Deutschland fördert, diesen mutigen Schritt.

Warum mutig, warum umstritten? Die Art und Weise wie im Rahmen der biologisch-dynamischen Wissenschaft geforscht wird, ist eine ganzheitliche, holistische und auf J. W. v. Goethe zurückzuführende (goetheanistische) Form der Wissenschaft. Sie schließt den Menschen nicht nur als Verstandeswesen sondern auch mit seinem Gefühlsleben mit ein und behandelt sowohl die irdischen Erscheinungen als auch die kosmischen Kräfte, die durch die Planeten über das Wässrige auf unseren Planeten wirken. Außerdem wird das der biodynamischen Lehre zugrunde liegende anthroposophische Weltbild, das auf den Erkenntnissen von Rudolf Steiner beruht, häufig als Esoterik abgeurteilt.

Die BOKU zeigt Interesse

Knapp sechzig HörerInnen verfolgen die bio-dyn Vortragsreihe an der BOKU im vergangenen Wintersemester, fast doppelt so viele wie im Jahr davor.

Wie so oft in der Geschichte des Ökologischen Landbaus haben hier Studierende gemeinsam mit der Zielstrebigkeit der Demeter-Bäuerin und Philsophin Waltraud Neuper diese Vortragsreihe möglich gemacht. Wie in Witzenhausen wird die Umsetzung zunächst auch von einer Stiftung[6] ermöglicht, die von bio-dyn wirtschaftenden Betrieben und Verarbeitern getragen wird.

Das Vorlesungsseminar ist als Einführung gedacht, es werden die Hauptthemen des biologisch-dynamischen Landbaus überblicksmäßig vorgestellt. Phänomenologie und Kosmische Rythmen, biologisch-dynamische Tier- und Pflanzenzüchtung, Kompostierung und Düngung werden in den Kontext der Universität gebracht und damit einer umfassenden Kritikmöglichkeit ausgesetzt.

Die soziale Frage bleibt dabei vom ersten Vortrag an das Bindeglied – schließlich geht der Trend auch in der österreichischen Landwirtschaft seit Jahrzehnten immer mehr in Richtung Spezialisierung und Wachstum. Bäuerliche Betriebe, die sich der Biodiversität und Vielfalt am Betrieb verschrieben haben, wie das bei den meisten bio-dyn Betrieben der Fall ist, sehen sich zunehmend einem hohen wirtschaftlichen Druck ausgesetzt.

Brückenbau zwischen Theorie und Praxis

Die Lehrveranstaltung an der BOKU ist nur eine Facette der biologisch-dynamischen Ausbildung, die derzeit in Österreich und Slowenien aufgebaut wird. Auf Betriebsebene finden nun sowohl in Niederösterreich (Rosenburg) als auch in Kärnten (Wurtzerhof) regelmäßige Vernetzungstreffen statt, bei denen der fachliche Austausch im Mittelpunkt steht. Ziel ist es innerhalb der nächsten zwei Jahre ein Lehrbetriebenetz aufzubauen, das das Grundgerüst der neuen, freien Ausbildung darstellen wird. Nach dem Beispiel von ähnlichen Ausbildungsprogrammen wie sie in Hessen, am Bodensee und in Norddeutschland schon seit mehreren Jahrzehnten bestehen werden auch regelmäßig Kurse angeboten, die für die Lehrlinge verpflichtend und für alle Interessierten und PraktikerInnen offen sind.

Der Hauptunterschied zur konventionellen landwirtschaftlichen Ausbildung liegt in der Schwerpunktsetzung bei der Wissensvermittlung. Hier steht das Erfahrungswissen von Bäuerinnen und Bauern im Vordergrund der Vermittlung – neueste wissenschaftliche Erkenntnisse werden über Fachvorträge und Seminare, die vornehmlich in den Wintermonaten stattfinden, hineingenommen. Hier bestehen auf universitärer Ebene Abkommen mit der Uni Marburg und der BOKU, die Vortragenden sind international und kommen zu einem großen Teil aus Deutschland und der Schweiz.

Erwachen aus dem Dornröschenschlaf

Der Demeterbund in Deutschland hat in vielen Belangen dem österreichischen kleinen Bruder einiges voraus. Was die Reichweite der Produkte und die Professionalität der Ausbildung belangt – in Österreich hat sich in den 80 Jahren seit Gründung des Demeter-Bundes lange nicht so viel getan. Umso größer ist die Zielstrebigkeit mit der nun vorhandene Synergien gesucht und bestehendes Potential ausfindig gemacht werden. Eine interessante Entwicklung, die wir wohl an der BOKU noch länger mitverfolgen werden!

Mehr zu der biologisch-dynamischen Ausbildung auf http://demeter.at.

BOX:

Arbeitskreis Biologisch-Dynamische Landwirtschaft BOKU

Seit Beginn der Biologisch-Dynamischen Vorlesungsreihe dieses WS hat sich – gespeist aus dem regen Interesse – ein studentischer  Arbeitskreis gebildet um sich den Vortragsinhalten intensiver zu widmen.

Bislang wurden die Präparatepflanzen Schafgarbe und Kamille genauer unter die Lupe genommen und deren medizinische Wirkungen, botanische und pflanzenbauliche Eigenschaften studiert. Es sei verblüffend die Parallelen zwischen der Heilwirkung der Pflanzen, ihrer Wuchsform und ihren Standortvorlieben zu kennen und daraus ihre Wirkungsmöglichkeit als Kompostpräparat abzuleiten, so eine Studentin.

Weitere Ziele sehen die Mitglieder des Arbeitskreises, der jederzeit für Interessierte offen ist, in der Etablierung biologisch dynamischer Lehrinhalte an der BOKU und damit eine dauerhafte Einbindung der bestehenden bzw. ähnlicher Vorlesungen in die Studienpläne, wie das an der Agrarfakultät der Uni Kassel der Fall ist. Dadurch würde die Notwendigkeit wegfallen von Stiftungsgeldern abhängig zu sein, was eine unabhängige Forschung und Lehre in diesem Bereich erst möglich macht.

Wenn du dich für den Arbeitskreis interessierst, dann komm einfach zum nächsten Treffen.

Es findet voraussichtlich am zweiten Mittwoch im Monat, den 10. März um 18 Uhr in TÜWIs Hofladen statt. Wenn du die Einladungen per e-mail bekommen willst, dann schreibe an bokubrennt.biodyn@gmail.com.

Was gibt’s an der UB BOKU zum Thema? – eine kleine Auswahl

Koepf, Herbert H.(1996) Biologisch-dynamische Landwirtschaft: Eine Einführung.

Lehrbuchsammlung 70.50-4/4A,1

Bockemühl, Jochen (2005) Auf den Spuren der biologisch-dynamischen Präparatepflanzen

Lesesaal 71.89 Signatur I-99411

Koepf, Herbert H. (2001) Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise im 20. Jahrhundert

Utl: Die Entwicklungsgeschichte der biologisch-dynamischen Landwirtschaft

Lesesaal 70.50 Signatur I-91308

Schaumann, Wolfgang (1996) Rudolf Steiners Kurs für Landwirte, eine Einführung zu “Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft”.

Lesesaal 70.50 Signatur I-53791/46

Wistinghausen, Christian von (1998) Anleitung zur Herstellung bzw. Anwendung der biologisch-dynamischen Feldspritz- und Düngerpräparate.

Departementsbibliothek Angewandte Pflanzenwissenschaften, Signatur 952-Ob1046


[1] Thomas Lindental (Dr.) hat als Student die Gründung des IföL maßgeblich mitbegründet. Derzeit arbeitet er am Forschungs Institut für Biologischen Landbau (FIBL) in Wien.

[2] www.demeter.net

[3] Forschungsring bzw. Institut für biologisch-dyamische Forschung (IBDF) in Darmstadt (http://forschungsring.de).

[4] Zweigstelle des IBDF in Bad Vilbel bei Frankfurt (www.dottenfelderhof.de)

[5] Master-degree in Utrecht und promoviert in Wageningen

[6] StiftungspartnerInnen: Fa. Weleda, Wurzerhof (Ktn), Edlerhof (Stmk), Hr. Rosen, Lackner&Lackner

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